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Überzogene Bewerbungsstandards
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Bewerbung
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THEMA: Überzogene Bewerbungsstandards
#10336
Überzogene Bewerbungsstandards vor 11 Jahren, 4 Monaten  
Hallo Leute,

nach dem was ich hier und anderswo zum Teil lese, sind einige fast sklavisch bemüht, den Vorgaben gewisser Kreise (Beratungsbranche) bezüglich Bewerbungsaufwand gerecht zu werden. Da wird gefragt, was anzuziehen ist, was man redet, wie man redet, wo man seine Füße, Arme Hände hintun soll, ob man seine Bewerbungsmappe mit Goldfaden einbinden soll und was weiß ich noch alles.

Die Beraterbranche auf der Suche nach neuen einträglichen Betätigungsfeldern, hat in den letzten Jahren mit allerlei Beratungsbüchern, Bewerbungsseminaren usw. ein derartig hohes Anspruchsdenken etabliert, das verstandesmäßig keine Sinn mehr ergibt, zum Selbstzweck verkommen ist, und nur noch z.B. der Glanzpapierindustrie Nutzen zu bringen scheint.
Auf beiden Seiten, einerseits der Bewerber, sein Anspruch gegenüber sich selbst, und andererseits dem Personalchef, der Bewerbungen die unter einem bestimmten hochgezüchteten aufwendigen Standard liegen, gar nicht mehr wahrnimmt (Ablage: Papierkorb).

Das alles geht auf Kosten der wirklich wichtigen Dinge, nämlich der fachlichen Qualifikation der Bewerber. Das scheint aber fast schon nebensächlich geworden zu sein. Es wird Arbeitslosen, ja schon Schülern, und auf der anderen Seite den Personalchefs in allerlei Büchern und Kursen faktisch beigebracht, wie man täuscht und manipuliert, sich am „besten“ darstellt, sich gegenseitig etwas vormacht, sich so darstellt, wie man eigentlich nicht ist.
So kommen dann in der Regel unnatürliche, befangene, gestelzte Bewerbungsgespräche zustande, bei denen die Beteiligten gelernte Phrasen abspulen, dabei sachfremd aneinander vorbeireden, und nur noch darauf lauern, was das Gegenüber jetzt für einen rhetorischen Trick anwendet, dem man dann entsprechend, wie gelernt, entgegnen kann.

Viele Bewerber verwenden vorgekaute Standartbewerbungstexte und die Personalchefs sind schon darauf gepolt, nehmen schon gar nicht mehr wahr, das sie vorgekautes lesen, sie sind auf diese Phrasen gepolt, und empfinden sie schon mal per se als positiv
Ein Personalchef aber, der den Verstand benutzt, würde aber die Bewerber sich näher ansehen, die eben keine vorkauten Phrasen verwenden, und die sich nicht dem Zwangs-Hochglanzbewerbungs-Terror beugen, die Bewerbung sachlicher, nüchterner und bescheidener gestalten (ohne dies mittlerweile verbreiteten Großkotz-Briefköpfe, mit denen ein Bewerber als Privatmensch aber so aufzutreten versucht, wie man es eher bei einem Weltkonzern findet, mit Firmenlogo und so was..).
Jedenfalls wird der intelligente Personaler unterstellen, dass der Bewerber, der seine Bewerbung schon so souverän, ja eigensinnig gestaltet, auch im Beruf souverän, kreativ und gesund unangepasst agieren wird, also ein Gewinn für die Firma sein kann.

Wenn sich die ganze Bewerberei immer mehr auf Nebenschauplätzen konzentriert und es nur noch ums zwischenmenschliche Manipulieren geht, auf Kosten der Würdigung fachlicher Qualifikation und Begabung, und sich dadurch immer mehr Fachdilettanten ausbreiten, ist das nicht gut für eine Volkswirtschaft.

Hätte man die heutigen Bewerbungsansprüche z.B. schon bei A. Einstein angewendet, würde es seine epochalen Erkenntnisse wohl nicht geben, denn er hätte nie eine Anstellung bekommen. Er war nämlich vernehmlich (alles auf sympathische Art) unordentlich mit sich selbst und seinem Umfeld, er hatte ein hohe Stimme (an anderer Stelle habe ich die Stimme thematisiert), war unangepasst, hat geredet wie er wollte.
Er war der Prototyp des sympatischen „verrückten Professors“ künstlerisch begabt und entsprechend chaotisch wie es viele schöpferischen Menschen sind.
Die Existenz zahlreicher innovativer erfolgreicher bekannter wie auch unbekannter im Stillen wirkenden Techniker, Forscher, Künstler die alles andere als den heutigen überzogenen Bewerbungsansprüchen genügen, straft doch die Schwätzer lügen.

Und was die Bewerbungsfotos betrifft, wird hier und in anderen Foren auch großes Augenmerk darauf gelegt. Ich bin aber der Meinung, dass nur in Berufen, in denen das Aussehen das „Kapital“ ist, ja den Beruf ausmachen (z.B. Mannequin, Schauspieler) Bewerbungsfotos selbstverständlich unverzichtbar sind.
In allen anderen Berufen hat ein Foto in der Bewerbung nichts zu suchen (die Photoateliers werden natürlich was anderes sagen...). Dabei besteht nämlich die Gefahr, dass schon bei der Vorsortierung Bewerber herausfallen, weil ein Personaler, als selbst ernannter oder in einem Dreiwochenlehrgang gemachter Möchtegernpsychologe in diesem oder jenem Gesicht völlig aus der Luft (aus Halbwissen) gegriffene negative Eigenschaften zu erkennen glaubt, und auch hier die tatsächliche hohe berufliche Qualifikation außen vor bleibt.
In vielen Staaten ist das Bewerbungsfoto verpönt und in USA z.B. ist es sogar verboten, um hier schon im Vorfeld Diskriminierung und Fehleinschätzung zu vermeiden.
Aber hier in Deutschland sind wir ja wie so oft, schlauer als der Rest der Welt.

Wir müssen endlich von der Denke weg, „es war immer so, soll immer so bleiben , da könnte ja jeder kommen“. Wobei diese „Philosophie“ bei Bewerbungen noch nicht einmal zutrifft, denn diese Mode der aufgepuschten Hochglanz-Goldrand-Bewerbungen sind in den letzten Jahren von der Beraterbranche hochgepuscht worden, davor waren die Bewerbungen viel nüchterner (klar, PC gab es noch nicht) und damit auch sachgerechter.

Es wird aber auch jüngst deutlich dass die ganzen Bewerbungs- Tips, -Ratgeber und -Seminare tatsächlich nur hohles beliebiges Geschwätz beinhalten, denn jetzt plötzlich wird von der gleichen Branche die E-Mail-Bewerbung favorisiert.
Und zwar von den selben Beratern, die noch vor kurzem die E-Mail Bewerbung als ungünstig, unpersönlich, unseriös und erfolglos einstuften („was interessiert uns unser Geschwätz von gestern“).

Die Internetbewerbung wird zunehmend von der Industrie gefordert (und gibt sich auch damit zufrieden) weil die Personaler an dem Papierwust der Hochglanzbewerbungen langsam ersticken.

Aber auch bei der Internet-Bewerbung wittert die Branche wieder ihr Geschäft.
Da werden schon allerlei Programme angeboten (gegen Bezahlung versteht sich) mit denen man auch die Internetbewerbung so richtig „professionell“ gestalten kann (mit Reitern, Buttons, Animationen usw,.). Wobei dann wieder von der eigentlichen wichtigen Fachqualifikation abgelenkt wird. Denn wenn ein Bewerber eine Internetbewerbung fast professionell und superübersichtlich gestalten kann (z.T dank Software), heißt das noch lange nicht, dass er auch in seinem Fach, für das er sich bewirbt, und worauf es endlich ankommt, ein Kanone ist.

Hier kann dann auch wieder passieren , dass jene, die sich solche Programme leisten können, mehr Bewerbungschancen bekommen, obwohl sie fachliche Nieten sind.
Und tatsächliche fachliche Kapazitäten, die sich aber solche Bewerbungsprogramme (Computer, Internet) nicht leisten können, sind dann wieder die Loser.

Viele Grüße, Alter
Alter

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