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Nur noch Schrott
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THEMA: Nur noch Schrott
#185
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ARBEITSMARKT

"Nur noch Schrott"

Führungskräfte ab 50, die arbeitslos werden, haben kaum Chancen, noch mal einen neuen Job zu finden. Tausende ehemalige Chefs stehen auf der Straße. Von Bruno Schrep

Kürzlich ist dem Personalchef Jochen Möller wieder diese Frau Mitte 50 eingefallen, die so gern weitergearbeitet hätte. Sie liebte ihren Job, war viele Jahre im Betrieb und brauchte das Geld, aber das zählte nicht.

Die Ältere passe nicht ins moderne junge Team, befand die Geschäftsführung, außerdem sei sie längst nicht so motiviert und leistungsfähig wie die anderen. Die Frau sei einfach zu alt.

Gegen eine kleine Abfindung und mit großem Druck hat Personalchef Möller sie aus der Firma gedrängt, freundlich im Ton, aber hart in der Sache, das ging ganz schnell. Gern tat er es nicht. Aber er war noch neu im Unternehmen, wollte sich bewähren, und die Geschäftsleitung verlangte es.

Heute bereut der Personalchef die Entscheidung. Für ihn ist Unvorstellbares wahr geworden: Er selbst, der Personalchef Möller, die Führungskraft, wird nicht mehr gebraucht. Einen wie ihn will niemand mehr haben: zu alt. Möller ist 52.

Der Mann, der in mehreren mittelständischen Unternehmen Herr aller Personalakten war, der beförderte und abmahnte, mit entschied, wer eingestellt und wer entlassen wurde, sucht seit fast eineinhalb Jahren vergebens einen Job.

Jochen Möller ist eines von vielen Opfern des Jugendwahns. Rund 60 Prozent aller deutschen Unternehmen beschäftigen keine Mitarbeiter über 50. Über eine Million Menschen dieser Altersgruppe sind arbeitslos, darunter immer mehr leitende Angestellte. Tausende ältere Bosse stürzten in den letzten zehn Jahren aus den Chefetagen in die Arbeitslosigkeit.

Betroffen sind vor allem Führungskräfte aus dem mittleren Management: Betriebsleiter, Controller, Marketingmanager, Verwaltungschefs. Diesen Männern und Frauen über 50 wird nicht zugetraut, in schweren Zeiten flexibel und stark genug zu sein - eine absurde Entwicklung. Denn ganz oben, in den absoluten Führungszirkeln von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sitzen wie selbstverständlich die Bellheims.

Der 65-jährige Lothar Späth lenkt noch immer die Geschicke von Jenoptik, der 60jährige Hartmut Mehdorn bestimmt die Richtung bei der Bundesbahn. VW-Personalvorstand Peter Hartz, Erfinder des nach ihm benannten Arbeitsmarktkonzepts, ist auch schon 61. Aufsichtsratsboss Rolf Breuer, oberster Kontrolleur der Deutschen Bank, wird demnächst gar schon 66.

Bei Jochen Möller beginnt der Abstieg mit dem Aufstieg in die oberste Spielklasse: Ein Headhunter wirbt ihn von seiner Firma ab, vermittelt ihm einen Posten als Personalleiter eines großen Unternehmens. Möllers Anfangsgehalt, über eine viertel Million Mark, soll schon nach kurzer Einarbeitungszeit erhöht werden. Seinen Dienstwagen darf sich der Neue selbst aussuchen, das Handy wird ihm zugeschickt.

Einen Tag vor Dienstantritt findet Möller in seinem Briefkasten verhängnisvolle Post: Die Firma ist pleite, der Vertrag hinfällig. "Da wusste ich, es wird schwer", erinnert sich Möller. Doch er hat nicht geahnt, wie schwer. "Der Möller, der ist schnell wieder oben", denkt er anfangs, "der hat so gute Beziehungen, der ist in der Branche bekannt wie ein bunter Hund." Von wegen.

"Nach den ersten Fehlschlägen reagierte er noch gelassen", sagt seine Ehefrau, 49. Doch nach 300 vergeblichen Bewerbungen hat sich das längst geändert.

"Wenn nur vage Aussicht auf eine Anstellung besteht, ist er ein paar Tage gut gelaunt", schildert die Frau. Nach der üblichen Absage beginne der übliche Streit, der Ehemann schreie aus nichtigem Anlass. "Die Heizung wird zu heiß." "Das Licht brennt zu lange." "Die Waschmaschine ist zu laut."

Tatsächlich schreit er seine Wut über etwas anderes heraus: "Zu alt. Zu alt. Zu alt."

Viel zu alt jedenfalls, wenn jemand erst einmal draußen ist wie Möller. "Unsere Führungskräfte sind zwar alle weit über 50", hat ihn kürzlich ein Manager belehrt. "Aber keiner käme je auf die Idee, jemand über 45 einzustellen." "Dann kann ich mir ja einen Strick nehmen", hat Möller geantwortet.

Zur Wut kommt Scham. Niemand sollte bis vor kurzem wissen, dass der erfolgreiche Personalchef Möller arbeitslos ist, selbst die eigene Mutter nicht. "Alles paletti", antwortet der 52-Jährige, wenn sich jemand nach seinem Job erkundigt. Hartnäckigen Nachfragern schwindelt er vor, er sei jetzt freiberuflicher Berater.

"Arbeitslosigkeit ist doch kein Verbrechen", argumentiert die Ehefrau, plädiert für mehr Offenheit - lange vergebens.

Soll etwa herauskommen, dass die Ehefrau putzen geht, für zehn Euro die Stunde, weil das Geld vom Arbeitsamt nicht reicht, um die Zinsen für das Haus zu bezahlen? Soll bekannt werden, dass sich die früher so gut situierten Möllers keinen Urlaub mehr leisten können, nur noch bei Aldi einkaufen, nicht mehr ins Restaurant essen gehen?

Der 13-jährige Sohn moniert schon mal, dass der Vater, statt zu arbeiten, immer so mies gelaunt zu Hause sitzt. Beschwert sich, dass nie Geld da sei. Ist sauer, weil er den neuen Computer nicht bekommt. Macht sich über das Auto, Baujahr 1986, lustig, das seit Möllers letztem Job den Dienstwagen ersetzt: "In diese voll peinliche Kiste steige ich nicht ein."

Die Kinder von Auto-Manager Hans-Helmut Naumann sind schon aus dem Haus. Ansonsten ist der Manager in einer ähnlich verzweifelten Lage wie Jochen Möller, ist er doch auch schon 52. An diesem Morgen ist er besonders wütend. Mit einem Ruck ist er vom Frühstückstisch aufgestanden, hat die Zeitung auf den Fußboden geknallt und wortlos die Wohnung verlassen.

In Rage versetzt hat ihn die großformatige Anzeige eines "weltweit operierenden Industrieunternehmens", das eine "überzeugende Führungspersönlichkeit" sucht. "Hoch qualifiziert" soll der Kandidat sein, "flexibel", "belastbar" und "durchsetzungsfähig" - Eigenschaften, die Naumann zu besitzen glaubt. Für ihn ist es jedoch sinnlos, sich zu bewerben. Denn, so heißt es in der Anzeige weiter: "Der ideale Bewerber ist nicht über 45 Jahre."

Karl-Heinz Ruppert, 61, kennt solche Anzeigen. Und er weiß, welche Verbitterung sie auslösen. Im Berufsbildungszentrum Augsburg betreut Ruppert ein Dutzend arbeitsloser Führungskräfte über 50, darunter Ex-Personalchef Möller und Ex-Auto-Manager Naumann. "Brückenschlag 50 plus" heißt das Projekt. Viele von Rupperts Klienten hat das Arbeitsamt geschickt. Vorwiegend Männer, alle mit dem Malus "schwer vermittelbar". Das klingt wie "schwer erziehbar" oder "schwer erträglich".

Ruppert hält Kontakt zu Firmen, die ältere Führungskräfte einstellen. Vielleicht. Vor allem aber versucht er, den zerschundenen Selbstwert seiner Kandidaten aufzumöbeln. Die fühlen sich, wie einer zynisch formuliert, "wie Schrott": nichts mehr wert, zu nichts mehr zu gebrauchen.

"Macht euch nicht klein, tretet nicht als Bittsteller auf", beschwört Ruppert seine Leute. Wenn jemand beim Simulieren von Bewerbungsgesprächen zu devot auftritt, fährt der 61-Jährige dazwischen. "Denken Sie daran: Sie können was, Sie wissen was, Sie stellen was dar. Sie finden wieder etwas."

Auto-Manager Naumann ist da skeptisch. Aus seinem Schreibtisch zieht er einen Ordner mit Hunderten Absageschreiben hervor, eines höflicher als das andere. Eines verlogener als das andere.

In keinem Brief steht, Naumann sei zu alt. Stattdessen wird ihm immer wieder bescheinigt, wie "interessant" seine Bewerbung sei. Dass seine Unterlagen auf Grund seines Alters sofort aussortiert wurden, hat er stets erst durch hartnäckige telefonische Nachfragen herausgekriegt.

Der gelernte Bankkaufmann, der in großen Autohäusern Vertrieb und Verwaltung leitete, der seinen letzten Job wegen Insolvenz der Firma verlor, hat es gerade mal geschafft, zu einem einzigen Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Dabei hat er, um wieder arbeiten zu können, vieles versucht: sich für untergeordnete Positionen beworben. Weit weniger Geld gefordert, als er zuletzt verdiente. Ein Jahr Probezeit angeboten. Ergebnis: null.

Um sich selbst zu disziplinieren, hält Naumann eisern an Ritualen fest. Steht morgens um sechs Uhr auf wie früher, zieht den Businessanzug mit Weste an, als müsste er gleich ins Büro, sucht nach dem Frühstück im Internet und in Zeitungen nach Stellenanzeigen, schreibt Bewerbungen, ruft Firmen an. Stemmt zweimal die Woche in einem Fitness-Studio Gewichte.

Doch all das ist kein Ersatz für einen, der bis vor einem halben Jahr 12 bis 14 Stunden täglich verhandelte, Anordnungen traf, Sitzungen leitete. Der jetzt aushalten muss, dass niemand mehr anruft, niemand Entscheidungen verlangt. Der sich immer häufiger gegen den zersetzenden Gedanken wehren muss, wegen dieses verdammten Alters überflüssig zu sein.

Immerhin: Dank des Einkommens von Naumanns Ehefrau, einer Sekretärin, kann der soziale Abstieg bislang kaschiert werden. Ob das dem arbeitslosen Warenhausgeschäftsführer Manfred E., 53, auf Dauer auch gelingt, scheint fraglich.

Der hat auf hohem Niveau gelebt, jedenfalls bis vor zweieinhalb Jahren. Penthouse-Wohnung im Frankfurter Nobelvorort Königstein inklusive Schwimmbad und Sauna. Ein dickes Auto, na klar, dazu ein flottes Cabrio für die Gattin.

Warum auch nicht? Er hat doch glänzend verdient, war immer auf der Erfolgsspur. Manfred E., der Überflieger, der Mann, der von ganz unten kam. Manfred E., der als Schlipsverkäufer angefangen hat und zum Leiter riesiger Einkaufszentren aufgestiegen ist, in Hamburg, in Frankfurt, in Dortmund.

Ein Siegertyp, der damals, nach der Wende, im wilden Osten große Verbrauchermärkte aus dem Boden gestampft hat mit allem Drumherum, vom Blumenladen bis zum Möbelhaus. Der sich mit seinen Bossen zoffte, nie klein beigab, notfalls einfach zur Konkurrenz wechselte. Und jetzt?

"Restbestände aus besseren Zeiten", erklärt der Langzeitarbeitslose Manfred E., deutet auf ein paar schicke Möbel, die nun in seiner kleinen Berliner Mietwohnung stehen. Die muss bald für drei reichen: E.s Ehefrau ist schwanger. Die Ersparnisse sind aufgebraucht. Noch reicht die Arbeitslosenhilfe, monatlich 1100 Euro, um den Haushalt zu bestreiten. Doch schon bald, befürchtet er, muss das Sozialamt einspringen. "Unvorstellbar", sagt Manfred E.

Empfänger von Stütze hat er immer als Versager eingeschätzt, als Faulenzer. Sollen arbeiten, dachte er.

Als er nach Auslaufen seines letzten Vertrags nicht gleich was Passendes findet, bleibt Manfred E. gelassen. Die Konjunktur, beruhigt er sich, die schlechte Nachfrage.

Und die 5 vorneweg bei der Altersangabe im Lebenslauf? Ach was. Alter, was heißt schon Alter? Man ist so jung, wie man sich fühlt. Erst recht, wenn man jünger aussieht, wenn man noch so fit ist, so voller Elan, etwas Neues anzupacken.

Das Schlüsselerlebnis kommt, als ein Manager zum Aufbau eines Flughafen-Einkaufscenters gesucht wird. Die knapp 30-Jährige, die das Vorstellungsgespräch führt, schwärmt mehrfach von den "young professionals" in ihrer Umgebung, mustert den 53-Jährigen mitleidig. Ob er denn glaube, da noch hineinzupassen?

Ein anderes Mal, in Hamburg, wähnt sich Manfred E. schon am Ziel. Der Chef will ihn, der Vertrag ist unterschriftsreif, nur ein Mitbewerber ist noch in der engeren Wahl. Der, Ende 20, taucht in Jeans auf und bekommt prompt den Job.

Der Gang zum Arbeitsamt, für Manfred E. eine tiefe Demütigung, bringt neue Ernüchterung. Nicht nur, dass der Sachbearbeiter seinen Gruß nicht erwidert. Er gibt ihm auch, neben Formularen, einen deprimierenden Dreisatz mit: "Wir haben nix für Sie." "Wir kriegen nix für Sie." "Wir können nix für Sie tun."

E. paukt trotzdem weiter Sprachen, besucht Messen, belegt Computerkurse, um für den Tag X gerüstet zu sein. "Vielleicht geschieht ja ein Wunder", hofft er.

An so ein Wunder glaubte Personalchef Jochen Möller, als er kürzlich in der "FAZ" die Anzeige eines führenden Software-Herstellers entdeckte. Die Firma suchte einen "Senior"-Personalleiter: selbständig, mit fundiertem Wissen im Sozial- und Arbeitsrecht und mit viel Erfahrung.

"Ich bin der Mann, den Sie suchen", stellte sich Möller am Telefon vor. "Wie alt sind Sie denn?", fragte der Gesprächspartner. "52." "Leider viel zu alt." "Aber Sie suchen doch einen Senior", wendete Möller ein. Der Mann am anderen Ende lachte. "Senior heißt bei uns maximal 35."


Wolle

P.S.

Ich bin jetzt 45 - also da habe ich rosige Zukunftsaussichten. Manche Handwerker, z.B. aus Berlin und Umgebung gehen ja schon nach Norwegen, weil sie da beu einer 37,5 WoStd.-Stelle umgerechnet 16,50 Stundenlohn kriegen und nicht arbeitslos sind.
Ins Ausland abhauen kann ich ja nicht - was also tun ? Die Arbeitsagentur vermittelt mir nichts, die tun nichts, für die bin ich ja jetzt schon mit 46 JAhren totaler Schrott. Ich muss mir selbst was suchen. Ich muss mir selbst Arbeit suchen, sonst habe ich niemals irgendeine Chance hier in Deutschland.

Wolle

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Re:Nur noch Schrott vor 12 Jahren, 2 Monaten Karma: 0
Sehr beruhigend, dass es auch mal solche trifft.
Leider ist dies zu traurig um zu lachen. Wir brauchen uns nicht wundern, dass es mit der Wirtschaft im allgemeinen so schlecht steht. Erfahrende Kräfte mit
Lebenserfahrung wird es bald wohl nicht mehr geben in den oberen Etagen. Wo soll das hinführen?

Ich habe gehört dass es in Deutschland aber auch Firmen
gibt, die haupsächlich Mitarbeiter über 50 einstellen, da hier kein Kündigungsschutz mehr greift. (wurde im ZDF
am Montag dem 5.9 in einer Diskussionsrunde mit verschiedenen Spitzenpolitikern erwähnt!)
Awada34
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